Kein anderes Evangelium
In Vers 6 geht Paulus sofort auf das Problem der Galater ein. Sie hatten sich von der Wahrheit des Evangeliums, das er ihnen verkündet hatte, abgewandt und ihr Ohr einer anderen Botschaft geöffnet. Statt an der reinen Gnade in Jesus Christus festzuhalten, hatten sie auf falsche Lehrer gehört, die ihnen weismachten, sie müssten das Erlösungswerk des Herrn Jesus durch Gesetzestreue ergänzen.
Diese verkehrte Lehre war kein anderes Evangelium, also keine gute Botschaft, denn sie verwirrte die Glaubenden und stellte die vollkommene Erlösung durch Jesus Christus infrage. In Vers 8 spricht Paulus von der theoretischen Möglichkeit, dass die Apostel oder ein Engel aus dem Himmel ein anderes Evangelium bekanntmachen. In Vers 9 geht er zur Wirklichkeit in Galatien über und prangert die Juden an, die den Christen dort eine falsche Lehre brachten. Darum verfluchte Paulus jeden, der eine falsche Botschaft verkündete.
Die Verse 10-12 zeigen den göttlichen Charakter des Evangeliums der Gnade:
- Die Verkündiger dieser Botschaft empfangen von den Menschen keine Ehre. Sie tun diesen Dienst vielmehr als treue Knechte des Herrn Jesus.
- Das Evangelium schmeichelt dem Menschen nicht, sondern verurteilt ihn wegen seiner Sünde und ruft ihn zur Buße auf.
- Die christliche Heilsbotschaft ist nicht dem Intellekt des Menschen entsprungen. Sie kommt von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, der sie dem Apostel durch Offenbarung mitgeteilt hat.
Von Saulus zu Paulus
Paulus war direkt vom verherrlichten Herrn zum Apostel berufen worden, um das Evangelium der Gnade zu verkünden und zu vertreten. Seine Berufung stand nicht mit Jerusalem in Verbindung, das damals das religiöse Zentrum des Judentums war. Denn seit das Erlösungswerk am Kreuz vollbracht ist, will Gott seine Gnade in Jesus Christus losgelöst vom jüdischen Glauben allen Menschen anbieten.
Wir erkennen in unserem Abschnitt drei Schwerpunkte:
- Die Verse 13 und 14 beschreiben die Herkunft von Paulus. Er war ein überzeugter und eifriger Jude, der genau nach der jüdischen Lehre leben wollte und alles verurteilte, was ihr widersprach. Deshalb verfolgte er auch die Versammlung Gottes.
- Die Verse 15 und 16 zeigen uns die Berufung von Paulus zum Apostel und Diener des Evangeliums. Gott hatte ihn von Geburt an für diesen Dienst bestimmt. Doch zuerst musste er von seinem eigenen Weg umkehren. Das geschah vor der Stadt Damaskus, als der Herr ihm erschien. Da offenbarte Gott ihm die ganze Fülle der Person seines Sohnes, damit er Jesus Christus, den Sohn Gottes, allen Menschen verkündete.
- Die Verse 17-24 berichten von der Zubereitung zum Dienst, die nicht nach menschlicher Weise erfolgte. Paulus wurde von Gott selbst weit weg von Jerusalem in der Stille zugerüstet. Gleichwohl kam er bei einem Besuch mit Petrus und Jakobus in Kontakt. So war er in der Versammlung von Jerusalem als echter Christ und Verkündiger des Evangeliums bekannt.
Paulus und die Brüder in Jerusalem
Diese Verse beziehen sich auf das Konzil in Jerusalem, von dem Apostelgeschichte 15 berichtet. Paulus hatte jahrelang unabhängig von Jerusalem im Segen gewirkt. Durch seinen Dienst kamen viele Menschen zum Glauben an Jesus Christus und es entstanden örtliche Versammlungen. Doch jetzt kam der Moment, an dem Gott die Arbeit des Apostels mit den Glaubenden in Jerusalem verbinden wollte. Der Anlass dazu waren falsche Lehrer, die das Evangelium, das Paulus verkündete, angriffen.
Paulus reiste also mit Barnabas und Titus nach Jerusalem, um das Evangelium der Gnade Gottes, das sich an alle Menschen richtet, zu verteidigen. Mit aller Entschiedenheit hielt er an der christlichen Freiheit fest: Niemals sollten die Glaubenden verpflichtet werden, das Gesetz zu halten. Nur so konnte die Wahrheit des Evangeliums aufrechterhalten werden.
Die Brüder, die in Jerusalem durch ihr gutes Verhalten Autorität besassen, stimmten dem Apostel Paulus bei:
- Sie zwangen Titus nicht, das Gesetz zu befolgen und sich beschneiden zu lassen (Vers 3).
- Sie erkannten, dass Petrus und Paulus zwei verschiedene Aufgaben hatten – der erste wirkte unter den Juden, der zweite unter den Nationen. Aber beide verkündeten die gleiche Botschaft (Verse 7.8).
- Sie machten sich öffentlich mit dem Dienst von Paulus eins (Vers 9).
Auf diese Weise hielten sie gemeinsam am reinen Evangelium der Gnade Gottes für alle Menschen fest, obwohl sie verschiedene Dienste ausübten.
Paulus und Petrus in Antiochien
Die Verse 11-14 beschreiben ein Ereignis in der Versammlung von Antiochien, die mehrheitlich aus Glaubenden mit heidnischer Herkunft bestand. Zunächst pflegte Petrus bei einem Besuch dort mit den Christen uneingeschränkte Gemeinschaft. Als jedoch einige Judenchristen von Jerusalem nach Antiochien kamen, sonderte er sich von den Glaubenden aus den Nationen ab. Er machte also unter den Erlösten einen Unterschied, obwohl das Evangelium alle auf die gleiche Stufe stellt. So wich Petrus in seinem Verhalten von der Lehre des Evangeliums der Gnade ab. Deshalb musste Paulus ihn öffentlich und mit deutlichen Worten zurechtweisen.
Die Verse 15-18 machen klar, dass die Rechtfertigung aus dem Gesetz der Rechtfertigung aus Glauben völlig entgegengesetzt ist. Vor dem heiligen Gott stehen alle Menschen auf dem gleichen Boden. Weil niemand durch das Gesetz vor Ihm gerecht werden kann, haben wir alle – ob Juden oder Heiden – Jesus Christus als Heiland nötig. Nur durch den Glauben an den Herrn Jesus und sein Erlösungswerk werden wir gerechtfertigt.
Als Glaubende sind wir mit Christus dem Gesetz gestorben, so dass es für uns keine Gültigkeit mehr hat. Als Folge davon wird unser Leben nicht durch das Halten von Geboten geprägt, sondern durch die Liebe des Sohnes Gottes. Weil Er sich selbst für uns in den Tod gegeben hat, ist Er jetzt die Quelle und der Mittelpunkt unseres Glaubenslebens. Wir möchten für Ihn, mit Ihm und durch Ihn zur Freude Gottes leben.
Gesetz oder Glaube
Die falschen Lehrer hatten die Galater bezaubert, indem sie ihnen vorschrieben, sie müssten das Gesetz halten und sich beschneiden lassen. Das stand jedoch in krassem Gegensatz zum gekreuzigten Christus. Warum?
- Weil durch die Kreuzigung des Sohnes Gottes endgültig bewiesen wurde, dass der natürliche Mensch Gott nicht gefallen kann. Er vermag die Forderungen des Gesetzes nicht zu erfüllen.
- Weil das Kreuz die göttliche Gnade für alle offenbart, die dem Gesetz nicht entsprechen können. Durch den Glauben an Jesus Christus werden sie gerechtfertigt.
Zwei weitere Tatsachen unterstreichen, wie verkehrt für den Christen die Rückkehr zum Gesetz ist:
- Die Galater hatten bei ihrer Bekehrung durch den Glauben an das Evangelium des Heils den Heiligen Geist empfangen (Epheser 1,13). Nun wirkte Er in ihnen und durch sie. Das war ein deutlicher Beweis, dass die Rechtfertigung aus Glauben die Grundlage ihrer Errettung war.
- Bereits Abraham wurde durch seinen Glauben gerecht vor Gott, und zwar bevor er beschnitten wurde. So beweist die Bibel schon im Alten Testament, dass nur der Glaube zur Rechtfertigung und zum Segen führt.
Vers 7 betrifft in erster Linie Menschen mit jüdischer Abstammung. Sie sind nur dann echte Söhne Abrahams, wenn sie den gleichen Glauben wie er besitzen.
Die Verse 8 und 9 sprechen von den Menschen aus den Nationen. Sie werden in der Zeit der Gnade gesegnet, wenn sie wie Abraham Gott glauben.
Der Fluch des Gesetzes
In Vers 10 zeigt Paulus die Folgen für alle auf, die durch Gesetzeswerke von Gott angenommen werden möchten: Sie stehen unter dem Fluch, den das Gesetz über jeden ausspricht, der die Gebote nicht vollumfänglich hält. Weil keiner allen Anordnungen des Gesetzes entsprechen kann, hat Gott bereits im Alten Testament erklärt: «Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben» (Habakuk 2,4). Darum können wir sagen: Die Gesetzeswerke bringen dem Menschen den Fluch des Gesetzes, der Glaube hingegen gewährt ihm Gottes Gerechtigkeit. Diese beiden Grundsätze – das Gesetz und der Glaube als Mittel zur Errettung – sind nicht miteinander vereinbar (Vers 12).
Vers 13 stellt die Lösung für alle vor, die unter dem Fluch des Gesetzes standen, weil sie es nicht gehalten hatten. Jesus Christus ist für alle Israeliten, die an Ihn glauben, am Kreuz ein Fluch geworden. Das bedeutet, dass Er in seinem Tod für sie die Konsequenzen auf sich nahm, die das Gesetz vom Übertreter forderte. Dadurch hat Er sie vom Gesetz mit all seinen Forderungen und Folgen befreit.
Dass Jesus Christus den Fluch des Gesetzes für die Glaubenden getragen hat, wird durch das Zitat bezeugt, das bei seiner Kreuzigung Wirklichkeit wurde: «Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.»
Weil die gläubigen Juden nur durch den Tod des Herrn Jesus den christlichen Segen empfangen, haben sie keinen Vorzug vor den Menschen aus den Nationen. Auch diese bekommen durch den Glauben an Jesus Christus und sein Erlösungswerk die Gabe des Heiligen Geistes.
Verheissung und Gesetz
In diesem Abschnitt wird die bedingungslose Verheissung an Abraham dem Gesetz vom Sinai gegenübergestellt.
Als der Herr Abraham aus seinem Land und seiner Familie herausrief, versprach Er ihm: «In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde!» (1. Mose 12,3). Auf dem Berg im Land Morija bestätigte Gott diese Verheissung: «In deinem Nachkommen werden sich segnen alle Nationen der Erde» (1. Mose 22,18). Mit dem Nachkommen ist nicht Isaak, sondern Jesus Christus gemeint, der gestorben und auferstanden ist. Auf der Grundlage seines Todes und seiner Auferstehung fliesst der Segen Gottes zu allen Menschen, die an den Herrn Jesus glauben.
An dieser bedingungslosen, göttlichen Verheissung änderte das Gesetz vom Sinai, das 430 Jahre später vom Volk Israel Gehorsam und Treue forderte, nichts. Rückblickend erkennen wir, dass Gott das Gesetz zwischen die Verheissung und deren Erfüllung einschob, um den Menschen zu prüfen und seinen sündigen Zustand zu offenbaren. Das Gesetz versprach zwar Leben, bewies aber zugleich, dass keiner auf diesem Weg den göttlichen Segen erlangt. – So stand das Gesetz der Verheissung Gottes nicht entgegen. Im Gegenteil! Es machte vielmehr klar, dass der Mensch nur durch Glauben an Jesus Christus, den Nachkommen Abrahams, ewiges Leben und ewigen Segen empfängt.
Wie klar verurteilt die göttliche Beweisführung in diesem Kapitel jede Vermischung von Gesetz und Gnade, von Gesetzeswerken und Glauben!
Der Glaube an Jesus Christus
Der Apostel gebraucht hier das Bild eines unmündigen Kindes, das unter der Aufsicht eines Erziehers steht, um die Situation der Israeliten in der Zeit des Gesetzes zu beschreiben. Das Gesetz offenbarte als Erzieher der Israeliten den verdorbenen Zustand des Menschen und machte deutlich, dass wir alle einen Erlöser nötig haben. So arbeitete das Gesetz auf Christus hin, der am Kreuz für Sünder starb. Mit seinem Erlösungswerk führte Er den Glauben als einzigen Weg ein, auf dem ein Mensch vor Gott gerechtfertigt werden kann.
Alle, die diesen Weg des Glaubens an Jesus Christus einschlagen, stehen nicht als unmündige Kinder unter den Forderungen des Gesetzes, sondern sind Söhne Gottes und besitzen deshalb ein Anrecht auf den christlichen Segen (Vers 26).
Mit der christlichen Taufe haben wir einen äusseren Stellungswechsel von der Welt zum Herrn Jesus vollzogen. Wir haben bekannt, dass wir Ihm gehören und nun als seine Jünger für Ihn leben möchten (Vers 27).
In unserer neuen Stellung vor Gott sind wir als Erlöste in Jesus Christus alle gleich. Da verschwinden die nationalen, kulturellen, sozialen und natürlichen Unterschiede, obwohl sie im praktischen Leben auf der Erde ihre Bedeutung behalten (Vers 28).
Dank unserer Glaubensverbindung zu Jesus Christus erben wir schliesslich den Segen, den Gott Abraham verheissen hat (Vers 29).
Wir merken: Alle christlichen Vorrechte in den Versen 26-29 hängen von unserem Glauben an Christus ab!
Wir sind Söhne Gottes
Die Stellung der Israeliten in der Zeitperiode des Gesetzes wird hier nochmals mit der Situation eines unmündigen, d.h. minderjährigen Kindes verglichen, das von Vormündern und Verwaltern beaufsichtigt wird. Genauso standen die Israeliten unter der Herrschaft des Gesetzes. Sie waren «unter die Elemente der Welt» geknechtet, denn die Vorschriften des Gesetzes richteten sich an den natürlichen Menschen und betrafen die sichtbare Welt.
Nachdem die Erprobung des Menschen durch das Gesetz sein Versagen völlig offenbart hatte, begann Gott in der Fülle der Zeit zu handeln und sandte seinen Sohn auf die Erde. Jesus Christus wurde Mensch und nahm den Platz ein, auf dem der Mensch sich unter Gesetz befand. Als Einziger entsprach Er in dieser Stellung allen Forderungen Gottes. Aber Er tat noch mehr. Er starb am Kreuz, um Menschen von der Knechtschaft des Gesetzes loszukaufen. Seither werden alle Juden, die an Jesus Christus glauben, aus der Stellung eines Knechtes in die Stellung eines volljährigen Sohnes versetzt. Auch die Glaubenden aus den Nationen sind Söhne Gottes geworden und geniessen eine vertraute Beziehung zu Gott, ihrem himmlischen Vater.
Vor ihrer Bekehrung standen die Galater als Heiden nicht unter Gesetz, aber sie dienten den Götzen. Durch den Glauben an Jesus Christus wurden sie von dieser Knechtschaft frei und kamen in Beziehung zum einzig wahren Gott. Warum wollten sie sich nun aufs Neue versklaven lassen, indem sie sich unter das Gesetz vom Sinai stellten und gewisse Festtage hielten?
Die Sorge um die Galater
Mit der Bitte «Seid wie ich» fordert Paulus die Galater auf, völlig frei vom Gesetz zu sein. Obwohl sie den Verführern ihr Ohr geliehen und sich vom Apostel und der christlichen Wahrheit abgewandt hatten, nahm er dies nicht als persönliche Beleidigung auf. Er erinnerte sie vielmehr an ihr Verhalten, als er bei ihnen war. Damals hatten sie den Apostel trotz seiner körperlichen Schwachheit nicht verachtet, sondern ihn wie einen Engel Gottes aufgenommen. Zu jener Zeit waren sie freie, glückliche Christen, die in ihrer Liebe zu Paulus bereit waren, alles für ihn zu tun.
Doch nun war ihr Verhältnis zum Apostel durch den Einfluss der falschen Lehrer getrübt. War er ihr Feind geworden, weil er ihnen die Wahrheit sagte? Nein! Aus Liebe zu ihnen verschwieg er die Realität nicht: Sie hatten einen falschen Weg eingeschlagen!
Im Gegensatz zu den Verführern wollte der Apostel die Glaubenden in Galatien nicht zu seinen Anhängern machen, sondern ihre Herzen mit Jesus Christus verbinden. Einst hatte er viel Mühe und Beschwerde (= Geburtswehen) auf sich genommen, um sie zum lebendigen Glauben an den Herrn Jesus zu führen. Jetzt erduldete er wieder viele Leiden (= abermals Geburtswehen), damit Christus in ihren Herzen wieder den richtigen Platz bekam.
Paulus wünschte bei den Galatern zu sein, um zu sehen, wie sie seine strengen Worte aufnahmen. Gern hätte er einen anderen Ton angeschlagen, doch er musste zuerst die Wirkung seines Briefs abwarten.
Gesetz und Gnade
Abraham hatte zwei Söhne: Ismael von Hagar, der Magd, und Isaak von Sara, der Freien.
Ismael war «nach dem Fleisch» geboren. Das heisst, er war das Ergebnis einer eigenwilligen, fleischlichen Handlung. Deshalb spricht Hagar, die Magd, vom Bündnis am Sinai. Damals gab Gott den Israeliten das Gesetz, weil sie erklärten: «Alles, was der Herr geredet hat, wollen wir tun!» Doch das Gesetz führte die Menschen in Knechtschaft, weil sie es nicht halten konnten. Ismael wurde verstossen, weil er als Sohn der Magd kein Anrecht auf das Erbe Abrahams hatte. Genauso verwirft Gott in der Zeit der Gnade alle, die durch Gesetzeswerke zu Ihm kommen wollen. Dies galt besonders für die Juden am Anfang der christlichen Zeit, betrifft aber alle religiösen Menschen. Für sie bleibt die Tür zum Segen Gottes verschlossen. Gleichzeitig erweisen sie sich als die schlimmsten Feinde der wahren Glaubenden (1. Thessalonicher 2,15.16).
Isaak hingegen kam «durch Verheissung» auf die Welt. Der Herr hatte ihn als Nachkommen Abrahams angekündigt. Als er geboren wurde, erfüllte sich das göttliche Versprechen. Sara repräsentiert demzufolge den Bund der Verheissung, den Gott mit Abraham geschlossen hatte. Alle Glaubenden – auch die Galater – sind wie Isaak frei und haben als Kinder der Verheissung ein Anrecht am göttlichen Segen.
Diese beiden Bündnisse sind nicht miteinander vereinbar. Darum ist das Gesetz für uns, die wir in der Freiheit der Gnade stehen, weder das Mittel zur Rechtfertigung noch eine Anleitung für unser Glaubensleben.
Frei oder unter Gesetz leben?
In den Kapiteln 3 und 4 erklärt der Apostel, dass der Mensch nicht durch das Gesetz, sondern nur durch Glauben in eine geregelte und glückliche Beziehung zu Gott kommt. Ab Kapitel 5 spricht er mehr vom praktischen Glaubensleben. Auch da brauchen wir das Gesetz nicht als unsere Lebensregel, denn es gibt uns keine Kraft für ein Verhalten zur Ehre Gottes. Im fünften Kapitel erkennen wir zwei Schwerpunkte:
- Verse 1-12: Die christliche Freiheit steht im Gegensatz zur Knechtschaft des Gesetzes.
- Verse 13-26: Die christliche Freiheit ist auch der Begierde des Fleisches entgegengesetzt.
In Vers 1 werden wir aufgefordert, an der christlichen Freiheit festzuhalten. Was heisst das konkret? Anstatt für den Alltag Gebote und Verbote aufzustellen, folgen wir freiwillig unserem Herrn, indem wir von Herzen wünschen, Ihm zu gefallen.
Wer sich beschneiden liess, trug so das äussere Zeichen der Zugehörigkeit zum Judentum und stellte sich unter alle Forderungen des Gesetzes. Damit strebte er nach einer Gerechtigkeit, die auf Gesetzeswerken beruht, und gab Jesus Christus als Heiland auf.
Wer jedoch an den Herrn Jesus glaubt, besitzt bereits die göttliche Gerechtigkeit. Er wartet auf die herrliche Zukunft im Himmel, die ihm auf der Grundlage des Erlösungswerks schon zugesichert ist (Vers 5). In der Zwischenzeit lebt er in einer täglichen Glaubensbeziehung zu Gott, wobei ihn nicht die Gebote, sondern die Liebe zum Gehorsam antreibt (Vers 6).
Frei oder nach dem Fleisch leben?
Die Galater hatten ihren Glaubensweg gut begonnen. Aber nun machten sie keine Fortschritte mehr, weil sie auf falsche Lehrer hörten und deshalb der Wahrheit nicht mehr gehorchten. Wir erkennen darin einen wichtigen Grundsatz: Unser Glaubensleben entwickelt sich in dem Mass positiv, wie wir das Wort Gottes befolgen.
Die Verführer, die die Galater zu einem gesetzestreuen Leben überredeten, kamen nicht von Gott. Was sie brachten, war eine böse Lehre, die wie ein Sauerteig den ganzen christlichen Glauben durchdrang. Die Beimischung von ein wenig Gesetz und Judentum entzieht dem Christentum das Fundament, weil es das vollgültige Erlösungswerk des Herrn Jesus angreift.
Das «Ärgernis des Kreuzes» ist die Tatsache, dass der Mensch völlig verdorben ist und Gottes Gnade nötig hat. Das sündige Fleisch kann nicht verbessert werden – auch nicht durch die besten Gebote. Wer jedoch das Gesetz halten will, leugnet diese Tatsache und schiebt das Ärgernis des Kreuzes beiseite.
Die christliche Freiheit macht uns vom Gesetz frei, führt uns aber nicht zu einem eigenwilligen, selbstsüchtigen Verhalten. Nein, ein Leben in Freiheit zeigt sich nicht in Egoismus, sondern in Bruderliebe. Wir sind dann füreinander da und dienen einander in Liebe. Das schaffen wir nicht aus uns selbst, sondern nur in der Kraft des Heiligen Geistes. Auf diese Weise erfüllen wir das Gebot der Nächstenliebe, ohne unter den Forderungen des Gesetzes zu stehen.
Werke des Fleisches und Frucht des Geistes
Dieser Abschnitt zeigt uns zuerst zwei verschiedene Kräfte, die in uns wirken: der Heilige Geist und die Begierde des Fleisches. Zwischen diesen beiden Kräften findet ein Kampf statt. Das Fleisch will nicht, dass wir für Gott leben, und verführt uns zum Sündigen. Der Geist Gottes will nicht, dass wir sündigen, und leitet uns zu einem Verhalten an, das Gott Freude macht. Die Lösung dieses Zwiespalts ist ganz einfach: «Wandelt im Geist, und ihr werdet die Lust des Fleisches nicht vollbringen.» Das bedeutet: Führt ein Leben in der Kraft des Geistes Gottes! Wenn Er frei in uns wirken kann, werden wir nicht sündigen, sondern zur Ehre Gottes leben.
Ab Vers 19 werden zwei verschiedene Ergebnisse vorgestellt: die Werke des Fleisches und die Frucht des Geistes. Wenn wir den Begierden der Sünde nachgeben und sündigen, bringt das traurige Folgen mit sich: Die Werke des Fleisches verunehren Gott und sind zum Schaden der Menschen. Ein Leben unter der Leitung und in der Kraft des Heiligen Geistes bringt ein positives Resultat hervor: Die Frucht des Geistes offenbart neun verschiedene Eigenschaften, die Gott ehren und den Menschen nützen.
In den Versen 24-26 werden wir zuerst an grundsätzliche Tatsachen erinnert: Wir haben im Glauben das Todesurteil anerkannt, das am Kreuz über unsere sündige alte Natur ausgesprochen wurde. Zudem besitzen wir das neue Leben und den Geist Gottes. In der Folge werden wir aufgefordert, praktisch durch den Geist zu leben, indem wir Ihn in uns wirken lassen.
Einander helfen
Die Verse 1 und 2 fordern uns zur gegenseitigen Hilfe auf dem Glaubensweg auf. Die erste Aufgabe ist das Zurechtbringen eines Christen, der in Sünde gefallen ist. Der Ausdruck «von einem Fehltritt übereilt» macht deutlich, dass der Betroffene aus fehlender Wachsamkeit gesündigt hat. Die «Geistlichen» sind Glaubende, die dem Herrn gehorchen und sich durch den Heiligen Geist leiten lassen. Sie sollen mit einer sanftmütigen Einstellung dem Gefallenen helfen, damit seine Sünde vor Gott und Menschen geordnet wird. Dabei dürfen sie nie vergessen, dass sie selbst zur gleichen Sünde fähig sind.
Die zweite Aufgabe ist das Mittragen von Lasten. Wir dürfen in der Fürbitte füreinander einstehen und einander praktisch helfen, wenn Probleme da sind. Wir erfüllen dann das Gesetz des Christus, der in seinem Leben hier die Schwachheiten der Mitmenschen auf sich genommen hat (Matthäus 8,17).
Für beide Aufträge ist eine demütige Gesinnung erforderlich. Wenn wir viel von uns selbst halten, werden wir zu stolz sein, anderen zu helfen.
In der Arbeit für den Herrn ist es immer wieder nötig, dass wir uns im Licht Gottes prüfen (Vers 4) und uns fragen: Suchen wir den Erfolg bei den Menschen oder die Anerkennung Gottes? Vergleichen wir uns gern mit anderen oder tun wir treu das, was der Herr uns persönlich aufgetragen hat?
Gerade die Lasten, die wir selbst zu tragen haben, werden uns bei all unserer Tätigkeit demütig halten, damit Gott alle Ehre bekommt.
Gutes tun
Vers 6 weist uns an, die Brüder, die uns im Wort Gottes unterweisen, materiell zu unterstützen. «Von allem Guten mitteilen» bedeutet, dass wir ihnen nicht nur das Allernötigste geben sollen.
Die Verse 7 und 8 behandeln die Verantwortung des Menschen: Jeden Tag säen oder streuen wir durch unsere Worte und Taten Samen aus. Von dieser Aussaat entsteht irgendwann eine Ernte, die der Saat entspricht, aber um vieles grösser ist. Das macht uns die Natur deutlich. Wenn wir ein Weizenkorn säen, ernten wir wieder Weizen, jedoch mehr als ein Korn, nämlich ungefähr 50 Körner. Als Glaubende können wir in unserem Leben zwei verschiedene Arten von Samen aussäen:
- Wir säen «für unser eigenes Fleisch», wenn wir gesetzlich leben oder die Wünsche der alten Natur erfüllen. Beides gefällt dem sündigen Fleisch in uns, bringt uns aber einen grossen geistlichen Verlust ein. Wir befinden uns dann auf dem Weg ins Verderben. Dass die göttliche Gnade uns davor zurückhalten wird, ist Gottes Seite, die hier nicht erwähnt wird.
- Wir säen «für den Geist», wenn wir in seiner Kraft die Frucht des Geistes offenbaren und das Gute tun, das Gott von uns möchte. Auch hier gibt es eine Ernte. Wir gehen dem ewigen Leben entgegen, das sich für uns in seiner ganzen Fülle erst im Himmel entfalten wird. Dort empfangen wir auch Lohn für unsere Mühe.
Da die Ernte nicht so schnell reif wird, stehen wir in Gefahr, im Gutestun mutlos zu werden. Darum werden wir in den Versen 9 und 10 angespornt, die Gelegenheiten, die der Herr uns schenkt, für gute Werke zu nutzen.
Das Kreuz und die Welt
Im Gegensatz zu anderen Briefen hat Paulus den Galater-Brief mit eigener Hand geschrieben. Darin kommt sowohl seine tiefe Sorge als auch seine Liebe zu den Glaubenden in Galatien zum Ausdruck.
Die Verse 12 und 13 offenbaren die Beweggründe der jüdischen Lehrer, die den Galatern zuredeten, sich beschneiden zu lassen. Einerseits suchten sie Ansehen bei den Menschen, indem sie möglichst viele Anhänger hinter sich her sammeln wollten. Anderseits gingen sie durch den Wechsel zum Judentum der Schmach und Verfolgung aus dem Weg, die das Kreuz Christi für alle mit sich bringt, die Ihm nachfolgen.
Das Kreuz unseres Herrn Jesus entscheidet über unser Verhältnis, das wir als Glaubende zur Welt haben, und zwar im doppelten Sinn. Die Welt hat dort auf Golgatha den Sohn Gottes, unseren Heiland, umgebracht. Darum machen wir mit der Welt nicht gemeinsame Sache und schliessen uns dem göttlichen Urteil über sie an (1. Johannes 5,19). Zugleich schreibt uns die Welt ab, wenn wir uns zu Jesus Christus stellen, den sie einst abgelehnt und hingerichtet hat. Mit einem Jünger, der dem Gekreuzigten nachfolgt, will sie nichts zu tun haben.
Am Kreuz wurde auch die Grundlage für eine neue Schöpfung gelegt, wo es den Unterschied zwischen Juden und Menschen anderer Nationalitäten nicht mehr gibt. In der Gnadenzeit gehören alle Glaubenden gleicherweise dazu. Nun dürfen wir frei von allen jüdischen Elementen nach der neuen, christlichen Richtschnur leben. Der Apostel wünscht uns dazu Frieden und Barmherzigkeit.
Buchtipp: Der Brief an die Galater
Einleitung
Thema
Die Zeit des Gesetzes und die Zeit der Gnade werden in einem Satz klar voneinander unterschieden: «Das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden» (Johannes 1,17).
Die Israeliten erklärten in der Wüste Sinai: «Alles, was der Herr geredet hat, wollen wir tun!» Da gab Gott ihnen das Gesetz. Es zeigte dem Menschen, was er tun musste, um den Ansprüchen Gottes zu genügen. Das Befolgen seiner Gebote stellte Segen und Leben in Aussicht. So wurde der Mensch erprobt, ob es ihm möglich wäre, aufgrund der eigenen Gerechtigkeit vor Gott zu bestehen. Aber die Geschichte Israels macht klar, dass keiner das Gesetz halten konnte.
Als dieser Beweis tausendfach erbracht war, sandte Gott seinen Sohn auf die Erde, um seine Gnade völlig zu offenbaren. Weil Jesus Christus am Kreuz das Werk der Erlösung vollbracht hat, können Menschen aufgrund der Gnade und durch den Glauben an den Erlöser vor Gott gerecht werden. Folglich gilt jetzt für alle Gläubigen: «Ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade» (Römer 6,14).
Diese klare Unterscheidung von Gesetz und Gnade griff der Feind schon am Anfang der christlichen Zeit an. Darum musste der Apostel Paulus im Galater-Brief das Evangelium der freien Gnade Gottes verteidigen. Trotz dieser Belehrung haben sich später gesetzliche und jüdische Elemente in das Christentum eingeschlichen. Darum ist der Galater-Brief auch für uns von grossem Nutzen.
Einteilung
Kapitel 1 – 2: Geschichtlicher Teil
Kapitel 3 – 4: Belehrender Teil
Kapitel 5 – 6: Ermahnender Teil
Gruss und Einleitung
Um sich bei den Galatern mit ihrer falschen Lehre besser Eingang zu verschaffen, griffen die Juden das Apostelamt von Paulus an. Da er nicht zu den zwölf Aposteln in Jerusalem gehörte, sprachen sie ihm jede apostolische Autorität ab. Im ersten Vers geht Paulus sofort darauf ein. Er hatte seinen Auftrag und sein Apostelamt nicht von Menschen, sondern von Gott bekommen. Durch Jesus Christus persönlich war er zum Apostel (= Gesandter) berufen worden (Apostelgeschichte 26,16-18).
In Vers 1 erwähnt er zudem die Auferweckung von Jesus Christus, um den Schwerpunkt seines Dienstes als Apostel deutlich zu machen. Im Gegensatz zu den Zwölf, die vom Leben, vom Sterben und von der Auferstehung des Herrn Jesus zeugten, war Paulus ein Zeuge des auferstandenen und verherrlichten Christus im Himmel.
Der Apostel wünscht den Briefempfängern und uns Gnade und Frieden. Beides haben wir bei unserer Bekehrung erfahren, beides brauchen wir jetzt für ein Leben in der Nachfolge des Herrn.
In Vers 4 wird uns das Evangelium der Gnade mit ihren Auswirkungen vorgestellt. Jesus Christus hat sich am Kreuz für unsere Sünden hingegeben, indem Er dafür die Strafe im Gericht Gottes erduldet und sein Leben gelassen hat. Als wir an Ihn als unseren Erlöser glaubten, empfingen wir Vergebung der Sünden. Doch es geschah noch etwas. Der Herr Jesus nahm uns auch aus der Welt heraus. Seit unserer Bekehrung gehören wir nicht mehr zu diesem bösen, gottlosen System, das sich die Menschen aufgebaut haben. Welch eine Befreiung!